Erfolgreicher Start der „Prosthetic Performance“-Reihe von Creation in Aachen

Volkmar Schmidt: „Der Patient macht die Prothese, ich leihe ihm nur meine Hände!“

„Alle totalprothetischen Systeme und Aufstellmethoden sind nur für die Prüfung von Zahntechnikern geschaffen worden, für eine patientengerechte Anwendung im Labor sind sie nicht geeignet!“ Mit diesem Statement eröffnete Volkmar Schmidt Anfang September seinen Vortrag über Totalprothetik in Aachen, und die mehr als 40 Zahntechniker, die zum Auftakt der „Prosthetic Performance“-Veranstaltungsreihe von Creation Willi Geller ins Forum M gekommen waren, schauten erstaunt in die Runde. Doch wer so klar und deutlich gegen festgelegte Regeln ist, muss auch ein Gegenrezept haben – und das präsentierte der Zahntechnikermeister aus Wiesbaden dann im Anschluss in seinem Referat und am nächsten Tag bei einem Hands-on-Kurs mit Live-Patientenfall im Dentallabor Stefan Esser in Aachen.

Die Basis für den Erfolg von Volkmar Schmidt, der seit vielen Jahren begeisterter Totalprothetiker ist, liegt vor allem darin begründet, dass er den Patienten in den Vordergrund stellt und ihn mit seinen Wünschen und Möglichkeiten ernst nimmt: „Der Patient macht die Prothese, ich leihe ihm nur meine Hände und würde mich nie über ihn erheben!“

Eine weitere wichtige Basis seiner Arbeit: die „Stable Base“-Technik nach Joe Clayton, deren Schlüssel in einer Metallbasis liegt. Schmidt: „Kunststoff ist kein Material für die Totalprothetik, ein Kunststoffgaumen fühlt sich für den Patienten wie eine Erkältung an, denn er schmeckt und spürt nichts und hat auch kein Temperaturempfinden. Und man muss den Patienten nicht auch noch für seine missliche Lage mit einer Kassenprothese bestrafen!“ Metallbasen, die ohne Unterfütterung auskommen, seien aus zahntechnischer Sicht zudem wesentlich stabiler und würden sich auch viel graziler und passgenauer fertigen lassen.

3 Tage „Oben-ohne“? Ja, sonst gelingt die Abformung nicht
In seinem Vortrag in Aachen, der den Startschuss für die „Prosthetic Performance“-Kurs- und Event-Reihe von Creation darstellte, beschrieb er den Zahntechnikern seinen Arbeitsweg von der mukostatischen Abformung („Bei der mukodynamischen Abformung wird die Gingiva zu sehr gespannt bzw. vom Knochen abgehoben!“) über die phonetische Aufstellung nach Jürg Stuck zur Modellation bis hin zum Finish. Das Publikum hörte äußerst gespannt zu, nickte viel, schüttelte aber auch hin und wieder skeptisch den Kopf – zum Beispiel als Schmidt erklärte, dass seine Patienten ihre alte Prothese vor der Abformung drei Tage auslassen müssten.

„Wie soll das denn gehen? Wie schaffen Sie es, das der Patient da mitmacht?“, fragte ein Zuhörer prompt. Schmidts Antwort: „Ich erkläre ihm, wie wichtig es ist, dass sich die verdrängte Gewebeflüssigkeit wieder regenerieren kann, und frage ihn, ob er morgens manchmal noch den Rand von seinen tags zuvor getragenen Socken am Bein sehen würde.“ Viele seiner Patienten würden dann nicken und verstehen, worum es geht.
Um ihnen die „Oben-ohne-Situation“ zu erleichtern, wird die Abformung meist montagmorgens vorgenommen, denn am Wochenende sei es einfacher, ohne Zähne herumzulaufen. Manchmal gibt er ihnen auch einen Mundschutz mit, damit sie zum Beispiel Einkaufen gehen können.

Die Totalprothetik als Türöffner für neue Kunden
Der Referent gab den Zuhörern in seinem Vortrag immer wieder persönliche Tipps, wie sich eine patientengerechte Totalprothetik laborgerecht umsetzen lässt und mahnte am Schluss, sich als Zahntechniker nicht von der Diskrepanz zwischen hektischem Alltag und der komfortablen Situation, den Patienten im Labor zu haben, fertig machen zu lassen. Sein Appell: „In der Totalprothetik zählen am Anfang nicht der Zeitfaktor und das Honorar, sondern das prothetische Können und der Patient, der Sie zufrieden weiterempfiehlt; später können Sie immer noch die Preise anheben.“ Für seine vielen wertvollen Hinweise und seine motivierende Botschaft gab es viel Applaus vom Publikum.
Zum zweiten Teil der „Prosthetic Performance“-Reihe fanden sich am nächsten Tag elf Zahntechniker früh morgens im Dentallabor Esser in Aachen-Brand ein, um mit Schmidt noch tiefer in die Totalprothetik einzusteigen und die phonetische Aufstellung direkt an einer Patientin auszuprobieren. Der Zahntechnikermeister begann seinen Einführungsvortrag mit den Worten: „Totalprothetik fristet in vielen Laboren ein eher stiefmütterliches Dasein, dabei kann sie für das Labor zum Türöffner für neue Kunden werden; sie ist gefragter denn je!“
Anschließend stellte der Zahntechniker den Kursteilnehmern sein ganzheitliches Totalprothetik-Konzept vor. Er gab ihnen Tipps zur Modell-Isolierung Gips gegen Gips („am besten mit Vaseline“), zum Wachsauftrag („Lasst die Natur für Euch arbeiten und das Wachs einfach anfließen!“) und zur Aufstellung („Frontzähne nicht in der Kieferkammmitte aufstellen“). Er erklärte auch mögliche Fehlerquellen, beschrieb noch mal die Vorzüge der Stable Base (mehr Lebensqualität für den Patienten und eine stabile Basis für den Techniker) und erläuterte, warum er seit mehr als 20 Jahren vom Creapearl-Zahn von Creation so begeistert ist: „Die Konfektionszähne von Willi Geller wirken auf dem Brettchen vielleicht unscheinbar und langweilig, aber im Mund explodieren sie förmlich. Dank ihrer hochchromatischen Dentineinfärbung lassen sie sich perfekt individualisieren, und nur durch blloßes Abtragen kann ich neue Zahnformen generieren.“

„Ich muss nicht die Idealkurve fahren – im Gegenteil!“
Anschließend ging es für die Kursteilnehmer dann an die Labortische und sie stellten selber sechs Oberkieferfrontzähne phonetisch auf, die sie dann im Beisein eines Zahnarztes an der extra einbestellten Patientin direkt überprüfen, anpassen und wieder neu aufstellen konnten. Unglaublich, auf wie viele Arten sich dieselben Konfektionszähne aufstellen und variieren ließen! Unglaublich auch, mit welcher Geduld die Patientin die vielen Anproben über sich ergehen ließ, wobei sie immer wieder die Worte „Frankfurter Flughafen“ sprach, damit die Zahntechniker die Phonetik überprüfen konnten.
Am Ende waren sich alle einig: Totalprothetik ist ein spannendes, aber auch anspruchsvolles Betätigungsfeld für Zahntechniker; und Zähne frei Hand aufzustellen und aus dem Nichts eine individuelle prothetische Versorgung zu schaffen, gelingt wohl wirklich am besten, wenn man sich von veralteten Systemen löst und neue Konzepte ausprobiert – so wie das von Volkmar Schmidt, der am Ende des Tages zufrieden feststellte: „Ich mache keine Idealzähne, sondern individuelle Zähne, daher muss ich auch nicht immer die Idealkurve fahren, nur weil ich das früher so gelernt habe – im Gegenteil!“